Roger Griffin: Faschismus hat eine existentielle Dimension

Roger Griffin: Faschismus hat eine existentielle Dimension


Ein neuer faschistischer Trend? Wie definieren Sie Faschismus? Faschismus ist im Wesentlichen
eine revolutionäre Form des Nationalismus. Er entsteht in einer Krise
der Nation oder des Volks, wenn genügend Menschen denken,
dass es eine radikale Änderung braucht, da sonst die Nation zusammenbricht
oder das Volk ausstirbt. Es ist also eine Revolution,
die nicht nur soziale und politische
Strukturen transformiert, sondern auch, wie sich die Menschen fühlen:
als Teil einer wiederauferstandenen Nation. Der Kern des faschistischen Mythos liegt also
in der Wiederauferstehung der Nation. Woher ich das weiß? – Weil ich
faschistische Literatur gelesen habe. Quer durch alle Länder
beschreiben Faschist*innen das so. Ich kann Ihnen endlos Beispiele nennen,
wenn man im Original oder in Übersetzungen nachliest, dann beschreiben sie ihre Ansichten so. Meine Definition lautet deshalb:
eine revolutionäre Form des Nationalismus. Wie sind die Hauptursachen des Faschismus? Wir alle haben das Potential, uns
einer Bewegung wie dem Faschismus anzuschließen, wenn unser Leben aus den Fugen gerät. Der Faschismus vermittelt nämlich ein
wirkmächtiges, sinnstiftendes Gefühl. Wenn man in unserer Gesellschaft
in eine schwere Krise gerät verlieren viele das Gefühl von Sinn im Leben. Wenn man sich anschaut, wie weitverbreitet
autodestruktives Verhalten ist: Spielsucht, Drogen, Sexsucht,
Selbstmord, Depression, Essstörungen etc. Anthropologisch betrachtet ließe sich das
als Symptom dafür deuten, dass eine Gesellschaft ihre grundlegende Funktion als Kultur nicht erfüllt: nämlich Menschen das Gefühl von Zugehörigkeit,
Bedeutsamkeit und Identität zu vermitteln. Der Faschismus ist also eine radikale Lösung,
wenn man nicht weiß, wer man ist, wo man steht und wo man hingehört. Ich denke, dass z.B. der radikale politische Islam,
also der Islamismus oder Dschihadismus für Muslim*innen, die sich in der modernen Welt
verloren fühlen, ebendiese Funktion erfüllt. Wenn man die Ursprünge des Faschismus
unter die Lupe nimmt, sieht man, dass er in der Zwischenkriegszeit entstand, als Chaos herrschte und man von der Vorstellung
vom Ende der Zivilisation besessen war. Der Faschismus bediente diese Mechanismen. Dem Faschismus geht also eine
tiefgreifende Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen
Gesellschaftsordnung voraus. Faschismus hat also wirklich
eine existentielle Dimension, die von den meisten Historiker*innen
bisher ignoriert wurde, weil sie ihn aus einer Außenperspektive,
als etwas Böses betrachten. Aber von innen heraus erfahren
fühlt es sich gut an. Man könnte sagen, dass die Samen von Faschismus, Extremismus, Fanatismus
immer im Verborgenen schlummern. Aber es verhält sich damit, wie in der Wüste:
Die Saat braucht Regen und der Regen ist in diesem Fall die Krise. Sie ist nötig, um die faschistische Saat
zum Sprießen zu bringen. Der andere Aspekt ist, dass Faschismus nur in einem säkularen Land denkbar ist. Anders gesagt: Wenn eine Kultur noch
von Christentum oder Buddhismus oder ähnlichem geprägt ist,
dann gibt es keinen Platz für eine säkulare, nationalistische Bewegung
der Wiedergeburt. Denn die gesamte Energie,
d.h. die kulturelle Energie fließt in die Aufrechterhaltung der Religion. Der Faschismus ist deswegen
in Europa entstanden, weil die Kirche über die Jahrhunderte
entmachtet worden ist. Der Niedergang des Christentums,
die Säkularisierung und der Erste Weltkrieg haben zur einer beispiellosen Eruption
des Nationalismus geführt. Der Faschismus ist vor diesem Hintergrund der Massen-Nationalisierung entstanden. Wie untersuchen Sie den Faschismus? Die Forschung untersucht Faschismus
meist aus einer Außenperspektive. Sie betrachtet es als etwas Abgründiges
und Irrationales, ohne Bedeutung oder Ideologie – so etwas
wie eine «Epidemie des Wahnsinns». Mein Ansatz dagegen war,
zu untersuchen, wie die Faschist*innen selbst
den Faschismus beschreiben. So ist mir dieses Gedankenmuster aufgefallen, die Idee von der Nation, die glorreicher
und stärker wiederauferstehen wird. Ich würde diesen Ansatz als «methodologische Empathie» bezeichnen. Wenn ich mich in Faschist*innen einfühlen würde,
um sie zu verherrlichen oder mich ihnen anzuschließen, dann wäre das natürlich
eine negative Form von Empathie. Wenn man aber versucht,
Faschist*innen zu verstehen, indem man sich fragt,
mit welchen Problemen sie kämpfen, und wie die Krise aussieht,
die sie bewältigen wollen, dann findet man einen Zugang
zu ihrem Universum. Man sieht z.B. plötzlich Parallelen
zu depressivem Verhalten oder bestimmten Formen von psychischen Krankheiten. Die Besonderheit meines Ansatzes war wohl, dass ich so viel faschistische Literatur
wie möglich gelesen habe. Viele Menschen sprechen von einem Wiedererstarken des Faschismus.
Beobachten Sie in Europa einen neuen faschistischen Trend? Allgemein gesagt neigen die Leute
bei Identitätskrisen zu rechtem Gedankengut. Ich würde also eher sagen,
dass es eine zunehmende soziale, existentielle
und ökonomische Unsicherheit gibt. Das wiederum ist eine Voraussetzung
für rechte Politik. Aber auch da wieder: Jedes Land ist anders. Die Schweiz hat z.B.
keine ökonomischen Probleme, und trotzdem eine starke,
populistische Bewegung— die ist aber nicht faschistisch. Ich finde deshalb Schlagzeilen
wie «der Aufstieg der Rechten» oder «Faschismus auf dem Vormarsch»
äußerst irreführend, insbesondere, wenn das irgendwie
auf die Zwischenkriegszeit bezogen wird. Unsere moderne Krise hat rein gar nichts
mit den 20er und 30er Jahren zu tun. Die Leute, die das Geschehen im heutigen Europa mit der
Zwischenkriegszeit vergleichen, haben keine Ahnung von Geschichte. Was sind die größten Gefahren,
die heute vom Faschismus ausgehen? Der Faschismus ist in zweierlei Hinsicht
eine anhaltende Bedrohung. Erstens als terroristischer Faschismus. Der jüngste Anschlag in Neuseeland z.B.
war dschihadistisch inspiriert. Es besteht also die große Gefahr, dass
nationalsozialistischer Terror zunimmt—erster Punkt. Und zweitens gibt es eine
äußerst perfide, subtile Gefahr, die von dem ausgeht, was man
die «neue Rechte» nennt. Im Zeitalter des Populismus hat der Faschismus
dadurch eine äußerst gefährliche Dimension angenommen, dass er sich mit populistischen Mitteln
Eingang in die nationale Politik verschafft. Ein radikalisiertes Vokabular
von Andersheit und Identität und der «Reinheit unserer Kultur» wird so zum Politik-Mainstream. Und wenn das passiert, erlassen
nicht-faschistische Parteien plötzlich Gesetze, als Zugeständnisse an die extreme Rechte. Ich denke, in dieser Verseuchung liegt
die größte Gefahr, die vom Faschismus ausgeht. Das hat aber nichts damit zu tun, dass eine Art
«monolithischer Block» auf dem Vormarsch wäre. Vielmehr muss man überall, wo man
wirklichem Faschismus begegnet, genau hinsehen: Wie ist er gesellschaftlich positioniert,
welchen Einfluss hat er, schlägt er sich z.B. in Schulbüchern nieder, untergräbt er die Einwanderungsgesetze
oder die Menschenrechte? Darin sehe ich die hauptsächliche Gefahr
und nicht in der faschistischen Revolution. Was können progressive Kräfte der extremen Rechten entgegensetzen? Es ist von sehr großer Bedeutung, wie ein Land
auf eine populistische Bewegung faschistischer Couleur reagiert. Geert Wilders hat in den Niederlanden z.B.
eine mächtige populistische Bewegung aufgebaut, aber die übrigen Parteien haben sich darauf geeinigt,
nicht mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie haben also eine Art Brandmauer
gebildet, zwischen dem Populismus mit seinem radikalen
nationalsozialistischen Flügel und dem restlichen politischen System. Im Grunde hat man die Rechte so an den Rand gedrängt. Alle Anti-Faschist*innen
sollten sich also zunächst einmal folgende Frage stellen: Kämpfe ich wirklich gegen Faschismus oder nicht vielmehr gegen Intoleranz, Engstirnigkeit, Hass,
Fremdenfeindlichkeit und die Aushöhlung der Menschenrechte? Auf diese Dinge hat der Faschismus
leider kein Monopol. Man muss sich fragen, wogegen
kämpfe ich wirklich an und wofür stehe ich ein? Und dann schaut man sich im eigenen Land
die Gruppierungen an, die «rechts» sind, nimmt eine Ausdifferenzierung vor und zieht Expert*innen hinzu, um zu verstehen,
wie man jeder einzelnen Gruppierung beikommt. Man braucht eine breite Koalition
von Kräften gegen Rechts mit spezifischer fachlicher Expertise,
um zielgerichtet etwas auszurichten. Ein effektiver Umgang mit der Rechten
sieht also so aus, dass man nicht in die Sprache des Hasses
und der Dämonisierung einstimmt, sondern methodologische Empathie anwendet, um zu verstehen, mit welcher Art von
rechter Strömung man es genau zu tun hat. Und dann nutzt man eine Verbindung
von Wissen und Aktivismus, um einzeln gegen jede rechte Gruppierung vorzugehen. Darin sehe ich unendlich viel Hoffnung.

2 thoughts on “Roger Griffin: Faschismus hat eine existentielle Dimension

  1. Kein Wort von der Wurzel des Faschismus, vom Privateigentum an den Produktionsmitteln

    Ich frage mich wirklich, warum die Rosa-Luxemburg-Stiftung so einen bürgerlichen Nonsens verbreitet.

    Der gute Mann versucht offensichtlich, den Faschismus psychologisch zu erklären. Viel falscher kann man an die Sache gar nicht rangehen.

    Faschismus ist die offen terroristische Diktatur des Monopolkapitals, bzw. der aggressivsten Kreise des Monopolkapitals, den Kern des Faschismus bildet der Antikommunismus. Es gibt keinen ,,revolutionären Nationalismus''. Faschismus ist radikalste Konterrevolution.
    Die herrschende Bourgeoisie greift auf die Errichtung der faschistischen Diktatur zurück, wenn sie ihre Herrschaft und/oder ihren Profit angesichts wachsender revolutionärer Aktivitäten des werktätigen Volkes in Gefahr sieht. Das im Wesentlichen ist die einzige wissenschaftliche Definition des Faschismus. Natürlich stark verkürzt, dazu wurden ganze Bücher geschrieben. Ein wirklich lesenswertes davon ist ,,Der faschistische deutsche Imperialismus'' von Walter Ulbricht.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *